Hatte ich erwähnt, dass ich vor einer Weile das Tagebuch gefunden habe, das meine Eltern vor meiner Geburt geführt haben? Dass ich mir vorher noch nie Gedanken darüber gemacht hatte, wie sie vor meiner Zeit gelebt haben? Dass es ein wunderbares Gefühl ist, zu wissen, mit welcher Freude man erwartet und jeder Arztbesuch dokumentiert wurde? Dass der schönste Satz, den ich gefunden habe „Claire ist der wichtigste Mensch in meinem Leben geworden“ ist? Nein?!
Nun ja, da stand noch mehr. In unregelmäßigen Abständen immer wieder Berichte, meine ersten Zähne, mein erstes Weihnachtsfest, meine ersten Wörter, meine ersten Schritte…
Und einmal habe ich meinen Teddy, Bärli, verloren. Meine Eltern und ich waren im Sommer spazieren, ich war mit dem Dreirad unterwegs. Dort, wo heute eine Softwarefirma, eine Tankstelle, Reihen- und Einfamilienhäuser stehen, war früher eine riesige Wiese voller Blumen. Rainfarn, Löwenzahn, hohe Gräser… Dort habe ich meinen Teddy verloren. Ich war unglaublich traurig, habe schlecht geschlafen, aber nicht gesagt, dass es an meinem Bärli liegt, denn ich hatte schließlich noch andere Teddys. Kurz darauf bekam ich eine Karte von Bärli, noch etwas später tauchte er nachts wieder in meinem Bett auf, mit einem Tagebuch, das seine Abenteuer schilderte.
Ich war überglücklich und nur froh, dass er wieder da war; viel später erst habe ich darüber nachgedacht, wo Bärli auf einmal herkam und kam schließlich zu dem Ergebnis, dass meine Eltern ihn gesucht, irgendwann tatsächlich gefunden und dann mit neuer Kleidung ausgestattet haben müssen.
Davon war ich immer ausgegangen. Aber so ist es nicht. Weil sie Bärli eben nicht wiedergefunden haben, haben sie einen neuen Teddy gekauft, der meinem Bärli ähnlich sah, und ihn dann in eine neue Hose genäht.
Als ich das erfahren habe, war ich einfach nur wütend und enttäuscht, dass es niemand für nötig hielt, mich darüber aufzuklären, dass Bärli eben nicht der Teddy ist, den ich von Geburt an habe und immer überall mit hingenommen habe.
Aber ist die Mühe meiner Eltern, die extra ein Tagebuch voller Geschichten über Gewitter, die Blumenkönigin, Baustellen und die lange Suche nach „meiner Claire“ geschrieben und einen beliebigen Teddy meinem so ähnlich gemacht haben, dass ich es nicht bemerkt habe, nicht viel, viel mehr wert?
